Türkei, Sanliurfa

Datum: 29. Dezember 2021 – 02. Januar 2022

Sanliurfa

Uns wurde gesagt, dass es in dieser Gegend viele Kontrollen durch das Militär gäbe. Gespannt fahren wir los und mit jedem Kilometer, mit welchem wir näher an Sanliurfa sind, sind wir auch näher an der syrischen Grenze. In unseren Köpfen steigt bereits die Anspannung – von den Militärkontrollen bemerken wir nicht viel. Meist befinden sich diese auf der gegenüberliegenden Fahrseite.

Wir fahren direkt in das Stadtzentrum und steuern die Strasse an, an welcher Sarah bereits einige Hotels rausgesucht hat. Wir haben es noch vor dem Eindunkeln rein geschafft und sind froh darüber, denn in dieser Stadt brummt aktuell das Leben. Überall sind Menschen unterwegs, man sieht Männer mit rot-weissen Kopftüchern, der Muezzin schallt aus allen Richtungen und die Abendröte setzt langsam ein.

Übernachtung

Wir sind etwas überfordert – finden aber zum Glück einen Parkplatz auf der rechtesten Fahrbahn, welche kurzerhand zum Parkplatz umfunktioniert worden ist. In diesem Teil der Stadt scheinen die Gebäude nur aus braunem Lehm zu bestehen und verleihen dem Viertel einen sehr orientalischen Charakter. Wir klappern einige Hotels ab, inspizieren die Zimmer und erkundigen uns nach dem Preis. Die Wahl fällt auf das „Hotel Harran Üniversitesi Urfa Evi Butik Otel“, welches den besten Preis anbietet und einen guten Eindruck macht. Als wir zum Hotel zurück kehren, erhalten wir sogar noch ein besseres Zimmer zum selben Preis (260 TL inkl. Frühstück für 2 Personen – knapp 18 Euro). Ach ja, und damit ich es nicht vergesse: Das Frühstücksbuffet im Hotel ist aus unserer Sicht sehr gut und hält durch die vielen Kalorien auch lange her. So mussten wir am Nachmittag nur etwas Kleines snacken und dies reichte dann jeweils bis zum Abendessen.

Essen

Sanliurfa ist bekannt für seine Fleischgerichte, ob wir als Vegetarier auch fündig werden? Ich greife hier schon mal vorweg: Wir haben uns in den folgenden Tagen hauptsächlich von Pizza, Pide, Çiğ Köfte und dem Frühstück ernährt.

Nachdem wir das Hotel bezogen haben, wollen wir etwas Kleines essen gehen. Kumpir bietet sich da an, denn dieser ist schnell zubereitet und unserer Meinung nach sollte man das schon irgendwo finden. Der Mitarbeiter des Hotels nennt uns einen Ort, an welchem wir einen Kumpir bekommen können. Auch laut Google Maps soll es in der beschriebenen Mall einen Kumpirverkäufer geben. Wir versuchen unser Glück, werden aber nicht fündig. Dafür finden wir in der Mall einen grossen Bereich für allerlei Fast-Food wie Pizza, Burger King, McDonalds, usw. Nachdem wir alles begutachtet haben, entscheiden wir uns für eine Pizza von Sbarro. Der Namen klingt etwas italienisch und das Logo, welches ein Stück Pizza abbildet und in den Farben Rot und Grün da steht, lassen darauf schliessen, dass sie wissen, was sie tun. Die Pizza ist zwar nicht wie in Italien, schmeckt aber trotzdem. Gewöhnungsbedürftig ist eher die Beilage und die Art, wie sie serviert wird: Als Beilage erhalten wir Potato Fries und Ketchup/Mayo (diese ist nicht nur für auf die Pommes, sondern auch für die Pizza gedacht) und serviert wird die Pizza auf einem Tablett aus Plastik. Nun ja, andere Länder, andere Sitten 🙂

Nicht weit vom Hotel entfernt, haben wir einen kleinen Laden mit Pides und Çiğ Köfte entdeckt. Wir haben dort einige Male gegessen und auch das Ayran probiert. Nicht ganz unser Geschmack, denn die Milch war schon ziemlich sauer und oben drauf gab es ziemlich viel Schaum. Aber die angebotenen Pides und Çiğ Köfte genossen wir sehr.

Bazar

Sanliurfa hat wie viele andere Städte in der Türkei einen Bazar. Diesen wollen wir besuchen, obwohl Freitag ist. Der Freitag ist der eigentliche Sonntag und viele Muslime gehen in die Moschee zum Beten. Wir schlendern etwas durch die Gassen und sehen viele Frauen, welche sehr chic gekleidet sind. Sie tragen schwarze Kopftücher, welche mit Gold verziert sind und bewegen sich oft in kleinen Gruppen aus drei bis sieben Frauen. Der Bazar ist nicht in vollem Betrieb und so besuchen wir ihn am nächsten Tag nochmals: Die Vielfältigkeit, die Intensität und die Schönheit dieses Bazars zeigt sich uns in voller Dimension. Die entstandenen Bilder vermögen nur einen kleinen Einblick in die Farben, Gerüche, Geräusche und Begegnungen dieses Ortes gewähren.

Teich vom Abraham (Balıklıgöl)

Laut der islamischen Überlieferung soll hier Abraham ins Feuer geworfen sein, worauf sich das Feuer zu Wasser verwandelt hat. Heute pilgern viele Muslime zu diesem Ort und füttern unter anderem die heiligen Karpfen im Teich.

Der Platz ist schön gemacht und grenzt an einen kleinen Park, an welchen auch die Moschee Mevlidi Halil angegliedert ist. Wir werden hier von vier Männern angesprochen und machen ein paar Fotos zusammen. Danach gehen wir zusammen einen Chai trinken und unterhalten uns weiter. Sie sprechen ziemlich gut Englisch und so läuft die Unterhaltung etwas geschmeidiger als mit Google Translate. Sie sind sehr sympatisch und laden uns ein, dass wir ihr Elternhaus etwas ausserhalb von Sanliurfa besuchen kommen sollen. Wir sagen noch nicht zu, denn wir müssen erst noch planen, tauschen aber die Nummern aus, um in Kontakt zu bleiben.

Eine etwas andere Begegnung

Als wir die Burg in Sanliurfa besichtigen wollen (welche leider aus unerfindlichen Gründen geschlossen ist), treffen wir auf zwei Jungs, die uns ein Taschentuch verkaufen wollen. Oft haben wir in der Türkei Kinder angetroffen, welche für 1-2 TL Taschentücher verkauft haben. Manchmal haben wir ihnen eine Packung abgekauft, da man bei diesen kalten Temperaturen immer ein Taschentuch benötigen kann. Heute wollen wir keins kaufen, haben wir grad noch genügend dabei. Die Jungs bleiben hartnäckig und begleiten uns hoch zur Burg und reden immer wieder auf uns ein. Beim Aussichtspunkt neben der Burg machen sie mit der Kamera von Sarah ein von Foto von uns beiden. Natürlich haben sie unsere Herzen schon längst erreicht und wir kaufen dann doch eine Packung Taschentücher und entscheiden weiter, dass wir ihnen etwas zum Essen kaufen.

Auf dem Weg von der Burg runter, lehnen sie ab und meinen, dass es hier zu teuer ist. So gehen wir in die Richtung, wo unser Hotel ist und sie zeigen uns ein kleines Restaurant. Wir lassen die beiden dort Platz nehmen und etwas zum Essen und Trinken auswählen. Wir setzten uns an einen anderen Tisch, damit die beiden in Ruhe gemeinsam essen können und bestellen einen Tee. Kurze Zeit später kommen sie zu uns rüber und meinen, dass sie das nicht hier essen werden. Mit der Hilfe von Google Translate erklärt der ältere June uns, dass er das Essen mit nach Hause nimmt und dort mit seinen Geschwistern teilt. Der zweite Junge ist interessiert an meiner Kamera und zusammen mit Sarah macht er ein paar Fotos damit und freut sich sichtlich.

Wir sagen, dass es kein Problem sei, wenn sie das Essen mitnehmen und mit ihren Geschwistern teilen. Der Junge lädt uns dann zu sich nach Hause ein und meint, dass seine Schwester dort für uns Tee zubereiten wird. Als wir dankend ablehnen (schliesslich wollen wir ja ihnen etwas geben und nicht umgekehrt), kann er dies fast nicht verstehen. Die Gastfreundschaft und die Höflichkeit sitzt wohl einfach zu tief. Nur mit einigen Versuchen und nachdem wir gesagt haben, dass wir nun bezahlen und gehen, können sie es annehmen.

Für uns war diese Begegnung sehr rührend, schön und nachdenklich. Grundsätzlich wollen wir keine arbeitenden Kinder unterstützen, aber wenn man sich in Gebieten bewegt, wo dies häufiger vorkommt, muss man einen anderen Weg als nur „Ablehnung“ finden. So versuchen wir, wenn möglich den Kindern kein Geld zu geben, aber im Gegenzug ihnen etwas Frisches zum Essen zu kaufen und vor allem auch einfach etwas Zeit mit ihnen zu verbringen als Kindern: Plaudern, zusammen spazieren oder wie heute sie mit der Kamera experimentieren lassen. Klar, verstärkt dies auch das Denken, dass Kinder mehr bekommen als Erwachsene aber wir denken, dass dies durch den fehlenden monetären Ansatz weniger gravierende Auswirkungen hat.

Eindrücke

Immer wieder verlängerten wir unseren Aufenthalt, da es uns so gut in dieser Stadt gefällt. Die etwas andere Bauweise, die Gesichter, die Kleidung und alles, was wir gesehen haben, hat diesen Ort sehr fremdländisch und spannend gemacht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie divers die Türkei ist und wie schnell man ein anderes Bild vor den Augen hat. Die Nähe zur Konfliktregion in Syrien haben wir nicht wirklich bemerkt und wir haben uns zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt.

Blog schreiben und Fotos sortieren

Wir verbringen während unserer Zeit in Sanliurfa einige Stunden an unseren Laptops und schreiben Blogbeiträge und sortieren Fotos aus. Sarah schneidet weiter an den Videos und dazwischen gehen wir immer wieder in die Stadt und entdecken etwas Neues, selbst wenn es nur ein Fruchtsaftstand mit dem Namen „Süper Atom Vitamin“ ist, welcher feine Shakes mit extrem viel Honig macht. Da das Wetter nun wieder etwas wärmer ist, können wir sogar draussen an der Sonne „arbeiten“.

Silvester

An Silvester verbringen wir in Sanliurfa und überlegen, was wir am Abend machen wollen. Eigentlich wollen wir irgendwo etwas essen gehen und dann den Abend ausklingen lassen. Aufgrund der gegeben Umstände mit dem Essensangebot und dem Mangel an uns bekannten gemütlichen Restaurants lassen wir diesen Plan ruhen. Stattdessen entscheiden wir uns, bei Dominos eine Pizza zu bestellen und im Hotel mit Ausblick auf die Umgebung auf das neue Jahr anzustossen. Ich tippe alle Angaben auf der türkischen Dominos Seite ein und löse die Bestellung aus. Etwas später klingelt mein Telefon und anscheinend ist am anderen Ende ein Mitarbeiter des Pizzalieferdienstes. Wir verstehen uns beide nicht – er spricht kein Englisch und ich kein Türkisch oder Kurdisch. Zum Glück ist der Mitarbeiter des Hotels hilfsbereit und ich gebe ihm das Telefon weiter. Auf einem Tracker sehen wir, dass die Pizza nun zubereitet wird und bald bei uns sein wird. Tatsächlich wird die Pizza bei uns an die Türe geliefert und natürlich befindet sich auch wieder ein paar kleine Tüten mit Ketchup dabei ;).

Wir befinden uns in der Zeitzone, welche zwei Stunden vor der Schweiz liegt. Bis Morgens um 02:00 Uhr wollen wir nicht wach bleiben und entscheiden uns, zu unserer Zeit auf das neue Jahr anzustossen und danach noch 1-2 Telefonate zu machen. Wir halten unser Bier in der Hand, welches wir in einem speziellen Liquor Store gekauft haben und sind gespannt, was um Mitternacht passieren wird. Ich tippe darauf, dass ein paar Feuerwerke gezündet werden und gleichzeitig an verschiedenen Orten in die Luft geschossen wird. Es ist 12 Uhr und das neue Jahr beginnt – in Sanliurfa ist es ruhig. Nur an einzelnen Orten hört man eine Salve von Pistolenschüssen und etwas weiter entfernt sieht man ein Pärchen auf das neue Jahr anstossen. Wir sind etwas erstaunt und schicken ein paar Neujahrsgrüsse aus der Zukunft in die Schweiz. Happy New Year 2022!!

Übernachtungsort: 29.12. – 02.01. Hotel Harran Üniversitesi Urfa Evi Butik Otel, Şanlıurfa

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